An der Universität

   

 

Mit Anfang zwanzig fühlte ich mich erwachsen und klug, rückblickend war ich das Gegenteil. Ein verlorenes Kind im Körper eines Erwachsenen, ohne Ziele und Träume, unerfahren und beschränkt. Fürs Leben hatte das Gymnasium wenig beigebracht. Nur sinnloses Detailwissen und das notwendige Ausmaß an Unterwerfung, ohne das ich mein Abitur nicht erhalten hätte.


Persönlichkeitsbildung, analytisches Denken, Kreativität und Lebenstüchtigkeit waren zu kurz gekommen. Das, was uns vermittelt wurde, reichte aus, wenn man ein Leben in einem Reihenhaus anstrebte und bei der Polizei oder Hamburger Sparkasse ein wenig Karriere machen wollte, wie es einige meiner Mitschüler taten. Ein verständliches Ziel, wenn man aus Hamm, Horn oder Billstedt stammte. Doch mich hat solch ein Leben nicht interessiert. 


Ob mein Leben erfolgreich oder glücklich werden würde, arm oder reich, ob ich einmal heiraten würde oder Kinder hätte, Anfang der Siebziger erschien mir meine Zukunft unklar und diffus. 

  

 

Fotos: Mit Christiane im Garten meiner ersten Wohngemeinschaft 1973.


Die Schule lag hinter mir, die Entscheidung für ein Studium war selbstverständlich. Auf den Gedanken einer Berufsausbildung etwa bei einer Bank oder einem großen Unternehmen wäre ich nicht gekommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, jeden Tag ein Sakko anzuziehen und ins Büro zu fahren. Es wäre wie bei meinem Vater gewesen. So wollte ich nicht leben. 


Ich schrieb mich an der Universität ein, doch vorbereitet war ich auf den neuen Lebensabschnitt nicht. Mit dem Studium wurde ich in ein Becken voller Haifische geworfen und versuchte, nicht gefressen zu werden. Keiner hatte gesagt, dass nun der Wettlauf um einen Platz im Leben begann, um Macht, Geld und Frauen. Keiner hatte uns beigebracht, die mentalen Gefängnisse von Elternhaus und Schule zu verlassen.


Realitätsbezogene Erwartungen an eine universitäre Ausbildung und über ein Leben danach hatte ich nicht. Ich erkundete die Welt als Autodidakt. Wer Kind eines Arztes, Ingenieurs oder Rechtsanwalts war, wusste, wohin es im Studium und Leben gehen sollte. Ich dagegen hatte keine Ahnung. Meine Eltern sind nie aus der kleinen Welt Hamburg-Horn hinausgelangt. Ihr Wunsch, ich solle es einmal besser haben, hatte mich bis ins Studium getragen. Nun musste ich allein zurechtkommen. Kein familiäres Netzwerk konnte mich fördern. In meinem Wuschelkopf ging ich davon aus, dass Universitäten für gesellschaftliche Veränderungen da seien. Noch während meinen Lebenszeiten würde das Paradies kommen. Fortschritt heulte der Zeitgeist der Siebziger.