Teil 3

  

Auf dem Klappentext steht, dass Sie stellvertretend für Hunderttausende stehen. Ist es nicht anmaßend, sich als Sprachrohr einer ganzen Generation oder – historisch gesehen – sogar einer Epoche darzustellen?


Nein. Stellvertreter trifft es besser als Sprachrohr - und Hunderttausende sind eher noch zu wenig. Wenn ich die vielen Nachkriegskinder sehe, die von 1946 bis vielleicht Ende der 1950er-Jahre Geborenen, dann verbindet uns doch, dass wir alle kriegsbeschädigte Eltern hatten, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlicher Ausprägung. Einige waren ähnlich wie mein Vater, sehr verschlossen, andere hatten depressive Eltern, vor allem depressive, stille Mütter. Dies hat auch mit dem Frauenbild und den Lebensbedingungen der damaligen Zeit zu tun. Aber auch damit, dass die Frauen nach 1945 als Trümmerfrauen für den Wiederaufbau gebraucht wurden. Als es vorbei war, übernahmen die Männer wieder die Oberhand und die Frauen wurden zurück in das enge Korsett aus Kindern, Küche und Kirche gedrängt, zementiert durch das Bürgerliche Gesetzbuch und die so engstirnigen konservativen Verhältnisse im Nachkriegsland.


Was qualifiziert Sie, dass Ihre Stimme die Stimme für Hundertausende sein kann?


Der Kampf fast aller Nachkriegskinder mit den Erwachsenen und dem von ihnen geschaffenen Nachkriegsland bildet für mich das Bindeglied. Unsere Lebensumstände waren nicht normal und Deutschland war kein normales Land. Im Gegenteil. Wir alle waren von Hitler und Krieg sowie von der deutschen Schuld bestimmt, materiell und in den Köpfen. Die Generation unserer Eltern hatte nur wenig bewältigen können oder wollen und hat große Teile der deutschen Last auf uns Nachwachsende überwälzt.

Ich sage ja auch nicht, dass andere genau dasselbe erlebt haben und die Welt genauso sehen wie ich. Sicherlich nicht. Gemeinsam ist vielen Nachkriegskindern aber, dass wir um die Aufarbeitung der verdrängten Elemente der Bundesrepublik gerungen haben. Deswegen erzähle ich beispielhaft von meiner Familie. Wenn Sie sich heute Sendungen etwa von Guido Knopp zur Nachkriegszeit anschauen, sehen Sie Trümmerfrauen, den Wiederaufbau, die ersten Volkswagen oder die Exportboom im Hamburger Hafen. Die Entwicklung von der militärischen Niederlage zum Wirtschaftswunder. Was aber hinter den Kulissen in den Köpfen der Menschen los war, wird kaum thematisiert. Mein Anspruch war, genau davon zu erzählen.

Unsere Eltern waren die Generation „der Verlierer“, am Ende von zwei Weltkriegen und unvorstellbarer Verbrechen, die von Deutschen begangen wurden. Unsere Eltern hatten nicht nur den Krieg verloren, sondern vor allem auch sich selbst, ihren Selbstwert, ihre Identität. Sie waren wie Paria, das personifizierte Elend der Weltgeschichte. Wir Heranwachsende waren ihre Kinder, die Kinder der Verlierer. Das hat uns fast ausnahmslos geprägt.


Was wollen Sie mit diesem Buch erreichen? Persönlich und gesellschaftlich?


Deutschland hat sich seit der Wiedervereinigung in Riesenschritten zu einem fast normalen Land entwickelt. Das finde ich gut, besonders für Jüngere. Sie sind von der Schuld und dem Ballast der Vergangenheit weitreichend frei. Ich will mit diesem Buch nicht das Schuldthema bespielen und sagen, dass jemand, der heute zwanzig ist, jede Verästelung des Krieges kennen muss und ein KZ schon einmal gesehen haben sollte. Im Gegenteil: Ich finde es gut, dass es Vergessen gibt und sich die Dinge in unserem Land so sehr verändert haben.

Aber wir befinden uns in einer Periode extremen geschichtlichen Wandels und man könnte lange diskutieren, ob die Reise nun zum Besseren oder Schlechteren geht. Euro-, Banken- und Schuldenkrise sind noch lange nicht vorbei, Kriegsauseinandersetzungen in Europa, etwa in der Ukraine, sind nicht auszuschließen. Der lange vorhergesagte Clash of Cultures ist mitten im Gange, die Abschaffung der Demokratie durch eine entfesselte Wirtschaft und Globalisierung eine zunehmend große Gefahr. Nur ein Narr kann glauben, dass es in Deutschland keine Anschläge des islamistischen Terrors geben wird, wie jüngst in Paris oder Kopenhagen. Für mich ist es keineswegs selbstverständlich und auch nicht sehr wahrscheinlich, dass es den Menschen in zwanzig Jahren so gut, frei und demokratisch ergehen wird wie uns heute. Deshalb finde ich es so wichtig, noch mal zu schauen, wo wir herkommen.

Mein Anspruch ist es, gehört und gelesen zu werden. Dann können die Leser ihre eigenen Schlussfolgerungen aus meinen Gedanken ziehen.


Was hat ein 20-Jähriger von Ihrem Buch? Was ein 40-Jähriger? Was ein 60-Jähriger?


Ältere Leser werden vermutlich sich und vieles aus ihrem Leben wiedererkennen, etwa im verbreiteten Schweigen der Älteren über die NS-Zeit oder im Verhalten der Kriegslehrer. Das habe ich schon beim Schreiben als Reaktion auf die Zwischenfassungen erfahren. 

Für Jüngere, die 20- und 30-Jährigen, möchte ich die Tür aufhalten und ihnen ermöglichen, über Lebensverhältnisse nachzulesen, die sie selbst nicht mehr erfahren haben. In den mittleren Jahrgängen der 40- und 50-Jährigen, so glaube ich, ist noch sehr viel Neugierde über die Nachkriegszeit vorhanden. Ich habe Kontakt zu Sabine Bode, die mit ihrem Buch über Nachkriegskinder bekannt geworden ist. Ich habe sie zu zwei Lesungen begleitet und ich teile ihren Eindruck, dass es noch ganz viele Kriegskinder, Nachkriegskinder und Kriegsenkel gibt, die wissen wollen: Was war im Krieg los? Was hat das mit meiner Familie zu tun? Was war mit den Generationen vor mir? Jüngere verfügen größtenteils nur über Erinnerungsbruchstücke ihrer Familiengeschichte, die sie kaum je so tief rekonstruieren können, wie ich es mit meinem Vater versucht habe. Mir ist es ja auch nur gelungen, den roten Faden seines Lebens zu finden. Nicht alles, was ich gerne erforscht hätte, konnte ich erfahren, auch weil viele militärische Unterlagen nicht mehr vorhanden sind. 

Ich glaube, dass man schreiben muss, wenn man etwas zu erzählen hat. Und ich denke, ich habe etwas zu erzählen. Schreiben muss Spaß machen, es hat mit Kreativität, Neugier, dem Willen zu tun, etwas herauszubekommen. Man muss mit seinem Thema kämpfen und das Ziel haben, etwas Großes und Wichtiges zu sagen. Das hat mich angetrieben. Die Frage, ob es später 10, 100, 10 000 oder noch mehr Menschen lesen, hat mich nie interessiert.


Sie gehören selbst der sogenannten 68er-Generation an. Im Buch sprechen Sie von einer Kulturrevolution Ende der 1960er-Jahre und meiden den Begriff 68er. Warum?


Meiner Einordnung widerspreche ich etwas. Diejenigen, die heute als 68er bezeichnet werden, waren eigentlich zwei, drei, vier Jahre älter als ich. Beispielsweise Rudi Dutschke war für mich eher wie ein Erwachsener, eine Autorität. Eine positive, keine der pathologischen Kriegsfiguren, die meinen Alltag zuhause und in der Schule bestimmten.

Ich fühle mich eher als Nach-68er. Ich war frühreif, habe ein wenig herumgeschrien und bin da hingerannt, wo etwas los war, zu den Älteren an der Universität. Mir ist der Begriff der 68er viel zu eingrenzend. Die sechziger Jahre waren in meinen Augen mehr als das, was heute mit „1968“ gemeint ist, sehr viel mehr. Es fing doch schon an, als die Röcke kürzer und unsere Haare länger wurden. Zuerst veränderte sich die Alltagskultur durch die Beatmusik, dann Gesellschaft und Politik. Die Sechziger waren das Jahrzehnt der Ablösung von der Kriegsgeneration und der Überwindung der Nachkriegszeit. Ein großer und wichtiger Schritt hin zur Demokratie in Deutschland. Die Vorgänge um die 68er sind eigentlich nur ein Ausschnitt davon, wenn auch ein ganz herausragender.

Für mich war diese Kulturrevolution das Aufbegehren gegen unsere deutsche Vergangenheit, das schuldbehaftete und lebensunfrohe Nachkriegsdeutschland. Es war die Revolte gegen das Tabuisieren der Nazi-Täter und den gruseligen konservativen Staat, der bei uns entstanden war. Aus der Sicht eines Heranwachsenden waren die sechziger Jahre wie ein Bürgerkrieg für persönliche Freiheit und einen neuen Zeitgeist. Am Ende hat, wie sollte es auch anders sein, die jüngere Generation gewonnen.

Selbstverständlich ist mir klar, dass konservative Sonntagsredner dies anders sehen.


Warum vermeiden Sie den Begriff 68er?


Weil die Zeit der 68er oft in eine Schublade mit Vorurteilen gesteckt wird. Vor allem von denjenigen, die nicht dabei waren und keine Ahnung von diesem Jahrzehnt haben. Ich wollte das Abbügelt werden durch Vorurteile vermeiden und habe den Begriff 1968 konsequent umgangen. Aber meine Erzählung ist selbstverständlich auch ein Buch über die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der sechziger Jahre, ein spannendes hoffe ich.


Wer Ihr Buch liest, merkt, dass Musik in Ihrem Leben sehr wichtig ist. Können Sie sagen, warum und welche Musiker einen besonderen Einfluss auf Sie hatten?


Musik, genauer Songs, hatten und haben noch immer einen großen Einfluss auf mich. Bob Dylan oder etwa Leonard Cohen höre ich heute noch gern. Der Einfluss der Musik war so groß, weil sie damals unglaubliche Kräfte, Gedanken und Erkenntnisse in uns freisetzen konnte. Auch habe ich im Text Musikzitate benutzt, um Gedanken und Assoziationen in meinen Text zu montieren. Und ich gehe heute noch zu Konzerten von Bob Dylan oder den Rolling Stones. Das hat sich nicht geändert.


Sie beschreiben das Leben in Deutschland von Ende des Krieges bis zur Wiedervereinigung. Gibt es einen Zeitraum, den Sie gern noch einmal erleben möchten?


Die unglücklichen Zeiten möchte ich nicht noch einmal haben. Ich wäre gern wieder 16 oder 17 Jahre alt, weil es für mich die Zeit der Befreiung von meinen Eltern war. Mein ganzes Leben lag vor mir. Ich hätte alles tun können. Heute vermisse ich den Optimismus und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die mich als Jugendlicher getragen haben.


Was kommt als nächstes? Arbeiten Sie bereits an einem neuen Projekt?


Ja, ich schreibe an einem Text mit dem Arbeitstitel „Die wilden Sechziger Jahre“, über  Aufbruch und Hoffnung in diesem Jahrzehnt.


Danke für das Gespräch.