Teil 2

   

Hatte das Schreiben einen therapeutischen Effekt, um Frieden mit sich, mit Deutschland und der eigenen Familie zu finden?


Ja und Nein. Mit meiner Familie habe ich keinen Frieden gemacht. Unsere Entfremdung ist nicht zu befrieden. Das, was über meine Familie im Buch steht, habe ich schon vor zwanzig Jahren gedacht und auch gesagt. Ich habe aber meinen Frieden mit meiner Herkunft, den Zeiten und Umständen und nicht zuletzt mit Deutschland als Vaterland gemacht. Für mich war das Schreiben weniger eine Therapie, um mit meiner Familie in Einklang zu kommen, als vielmehr eine Therapie für die Lebenssituation in der ich steckte, als ich mit dem Schreiben begann – eine privat, beruflich und vor allem auch gesundheitlich höchst schwierige Zeit in meinem Leben. Ich wurde von Problemen und Krisen erschlagen und wusste nicht, wofür ich abends einschlafen und morgens aufstehen sollte. Über längere Zeit war ich mir ziemlich sicher, den nächsten Monat nicht zu erreichen. Neben den Projekten und Dingen, die ich für meinen Lebensunterhalt betrieb, benötigte ich ein Ziel, eine Aufgabe, etwas, das mich am Leben hielt. Das habe ich in der Auseinandersetzung mit dem Nachkriegsland gefunden. Es war das Spannendste, was ich in den letzten dreißig Jahren getan habe.


Sie gehen mit den Mitgliedern Ihrer Familie und der Familiengeschichte sehr schonungslos um. Haben Sie keine Hemmungen oder ein schlechtes Gewissen?


Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen, ich schreibe doch nur, wie es war. Es ist doch keine Verurteilung meiner Familie geworden. Meine Großeltern habe ich sehr geliebt. Meine Eltern mit ihren Problemen sehe ich als Kinder ihrer Zeit und ihrer Lebensumstände. Sie haben sich mit mir viel Mühe gegeben, doch unser Verhältnis ist eben nichts geworden, die nötige Wärme und Zuneigung fehlten. Ich war ein sehr unglückliches Kind. Trotzdem sehe ich mein Buch nicht als Abrechnung. Ich empfinde mich eher als Archivar oder Chronist. Mein Stil mag sehr direkt und ungeschminkt sein, mein Anspruch ist die Wahrheit. Meine Erzählung ist nicht erdichtet oder beschönigt, und nichts Wichtiges wird verschwiegen.

Die Familienverhältnisse waren für viele Nachkriegskinder auf die eine oder andere Weise schwierig, nicht nur in meiner Familie. Viele von uns Nachkriegskindern schildern die Generation unserer Eltern als gefühlskalt, womit für mich nichts Bösartiges, sondern Verwirrung, Last und Schuld in den Köpfen der Erwachsenen gemeint ist. Wir haben alle irgendwie mit unseren Eltern gekämpft. Viele meiner Klassenkameraden hatten ähnliche Väter, ähnliche Mütter und ähnliche Familienprobleme. Uns unterscheidet vielleicht nur die Art und Weise, wie wir damit umgehen. Ich rede und schreibe darüber.


Sie haben ein sehr kritisches Verhältnis zu Ihrem Vater. Sie schreiben, dass Sie vieles aus seiner Lebensgeschichte aus heutiger Sicht besser verstehen. Dennoch versuchen Sie, Distanz zu wahren. Gleichzeitig beschreiben Sie sehr intime Momente, die eine große emotionale Nähe zeigen, z. B. als Sie sich auf seine Spur als NS-Soldat in Brüssel begeben. Wie stehen Sie heute nach der Arbeit an „Nachkriegsland“ zu Ihrem Vater und Ihrer Familie?


Ich teile diese Interpretation „emotionaler Nähe“ nicht so ganz. Zumindest habe ich es nicht so empfunden. Ich erkannte durch die Arbeit am Buch sehr viel klarer, wie mein Vater und die Ehe meiner Eltern funktionierten. Ich mache meinem Vater keine Vorwürfe für sein Leben oder sein Mittun im Hitler-Reich. Er war ein Kind seiner Zeit.

Erkannt habe ich auch, dass mein Vater mir näher stand als meine Mutter. Bis vor zehn Jahren hätte ich es nicht so klar sagen können. Auf meiner Spurensuche in Brüssel wollte ich vielleicht mich ausprobieren, ich war aus diffuser Neugierde dort. Die Reise war wenig durchdacht, mich trieben eher unbewusste Gefühle an. Dass ich eine Nacht in dem Hotel neben der damaligen Wohnung meines Vaters verbracht und wie ich mich dabei gefühlt habe, mag für Außenstehende bewegend sein, mich hat es damals eher verwirrt. Endlos habe ich mich gefragt, was tue ich da.


Aber auch das ist eine starke Emotion, die Leser berühren kann und wird.


Vielleicht, ja. Aber manchmal habe ich ein wenig Probleme damit, dass meine Erzählung offenbar bei manchen Lesern zu mehr Emotionen führt als bei mir selbst.