Pressegespräch Teil 1

 

Herr Brenner, Sie haben ein Erinnerungsbuch über die deutsche Nachkriegszeit vorgelegt, eine Spurensuche. Als Titel haben Sie „Nachkriegsland“ gewählt und beschreiben die Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis zur Wende 1989 anhand Ihrer Familie und historischer Ereignisse. Wie sind Sie auf das Thema Nachkriegszeit gestoßen?


Es war ein Zufall. Ich wurde 2005 von der Werkstatt der Erinnerung (Anm.: Forschungsstelle für Zeitgeschichte an der Universität Hamburg) befragt. Sie war neugierig auf meine Schulzeit in den 1960er-Jahren, es ging um die Jugendrevolte, die damals an Hamburger Gymnasien stattfand. Aus dem Interview entwickelte sich ein langes und intensives Gespräch. Rund vier Wochen später bekam ich eine Abschrift, die ich auf meinem Macbook speicherte. Gut ein halbes Jahr später hatte ich auf einer endlos langen Bahnfahrt große Langeweile und holte den Text wieder hervor, überflog ihn und schrieb ein paar Sätze um. Seit diesem Zeitpunkt war ich wie angefixt von dem Thema Nachkriegszeit, es ließ mich nicht mehr los.


Wie ist die Werkstatt der Erinnerung damals auf Sie gekommen?


Die Werkstatt befragte Zeitzeugen zu den 1960er-Jahren. Die Fragen zielten darauf ab, warum wir als Jugendliche an den Schulen so rebellisch waren. Ich war an meinem Gymnasium einer der Aktivisten und galt für Erwachsene wohl als einer der Rädelsführer. Vermutlich ist mein Name über Flüsterpropaganda an die Werkstatt gelangt.


Im Untertitel nennen Sie Ihr Buch „Eine Spurensuche“. Welchen Spuren sind Sie gefolgt?


Zunächst schrieb ich einfach drauf los und führte alles auf, was so durch meinen Kopf ging. Nach kurzer Zeit begann ich, mich auf zwei Themen zu fokussieren. Zum einen das ganz Persönliche, die Spur, die über meinen Vater, meine Eltern und meine Familie zu mir selbst führte. Das zweite Thema waren einige zeitgeschichtliche Einsprengsel, die mich dazu brachten, einen kompletten zweiten Erzählstrang zu schaffen, der die Geschichte der Bundesrepublik andeutet oder zumindest ihren roten Faden in Beziehung zu meiner Familie setzte.


Wie bringen Sie diese Spuren zusammen?


Die Spuren verbinden sich für mich in der Erkenntnis, dass viele Erwachsene zur Zeit meiner Geburt Anfang der 1950er-Jahre in irgendeiner Form traumatisiert waren, individuell und kollektiv. Traumatisiert durch das, was sie selbst, ihre Familien oder Angehörigen als Folge von Krieg und Nationalsozialismus und von Schuld und Niederlage erlebt hatten.


Warum ist das genau jetzt Ihr Thema? Warum nicht schon früher?


Das Thema hat mich auch schon vorher beschäftigt, doch ich war noch nicht klug genug, um mich dem Thema in einem Buch widmen zu können. Ich benötigte einen gewissen zeitlichen Abstand, um auf diese Zeit gucken zu können, und den hatte ich erst mit Mitte fünfzig. Mit vierzig hätte ich dieses Buch nicht schreiben können, da hätte mir die Distanz gefehlt. Ich hatte andere Sachen im Kopf.


Wie ist das Buch entstanden?


Mittlerweile arbeite ich seit fast zehn Jahren an dem Thema Nachkriegszeit, es gab viele unterschiedliche Fassungen des Manuskripts. Anfangs schrieb ich sehr zornig, sehr punkig, rotzig und gemein. An vielen Stellen sehr wütend, mit unkontrollierten Gefühlen. Während des Schreibens haben sich meine Emotionen sehr verändert.

Jetzt am Ende ist eine Erzählung entstanden, die – so hoffe ich – für sehr viel mehr Leser von Interesse ist, als meine zwischenzeitlichen Versuche. Immer wenn mir eine weiterentwickelte Fassung vorlag, fand ich zehn, zwanzig oder auch mal fünfzig Menschen aus meinem Umfeld oder auch mir unbekannte Leser, die mir Feedback gaben. Oft erreichten mich wichtige Fragen, Kommentare oder Informationen, die mich angestiftet haben, weiterzuarbeiten und noch tiefer zu graben. Ein wenig neverending. Dieser Prozeß brachte mich dazu, das Buch mit dem Untertitel „Spurensuche“ zu versehen.


Das Zornige, das Punkige der ersten Versionen, wie Sie es nennen, ist mittlerweile aus Ihrer Sprache und Ihrem Buch verschwunden. Vermissen Sie das?


Einige meiner frühen Leser vermissen es. Aber die Aggression und die Wut, die ich am Anfang spürte, empfinde ich heute so nicht mehr. Dennoch haben einige Leser der jetzt im Buchhandel erhältlichen Fassung noch immer das Gefühl, meine Erzählung sei sehr direkt und eben nicht beschönigend. Doch in der Schlussfassung ist meine anfängliche, unterschwellige Wut über Deutschland und die deutsche Geschichte, über die Vergangenheit unseres Landes und die Nazi-Republik, die jeden Satz begleitet hat, nicht mehr so wie in den frühen Fassungen. Ich habe gelernt differenzierter hinzusehen.


Kann man davon sprechen, dass der Prozess des Schreibens Sie weichgespült hat? Sind Sie auf den Spuren von Guido Knopp, geschichtliche Prozesse so stark zu vereinfachen, dass jeder sie nachvollziehen kann?


Die „Guido-Knoppisierung“, die große Vereinfachung, wenn ich das so nennen darf, ist natürlich eine Gefahr, wenn man als Autor über Zeitgeschichtliches schreibt. Mit meiner abschließenden Fassung möchte ich eine breite Leserschaft erreichen, das ist richtig. Doch ich glaube, es gibt noch viele Stellen im Text und im Inhalt, an denen ich sperrig und unbequem bin, etwa bei meiner Sicht auf die mangelhafte Entnazifizierung und die Nazi-Spuren in den Anfängen der Bundesrepublik. Oder in meinem Blick auf die späten Sechziger. Und über schlimme Nazi-Figuren wie Globke und Filbinger etwa kann ich mich heute noch ärgern. Heftig sogar. Die Empörung meiner Jugend hat mich nicht verlassen.