Die Welt hat sich gedreht

 

Ich habe berichtet, was ich erzählen wollte, vom Nachkriegsland und seinen Menschen. Persönlich und subjektiv, mit den Augen eines Nachkriegskinds. In der damaligen Sprache, ohne die Zensur politischer Correctness. Die Frage nach der Kriegszeit meines Vaters hat zu meinem Vaterland, zu meiner Familie und zu mir geführt. Doch Magda, Karl und ich sind unwichtig. Wir stehen nur stellvertretend für die Zeiten, in denen wir gelebt haben. Sandkörner am Strand wie Millionen andere. Wir könnten auch literarische Kunstfiguren sein, vom Autor erfunden. aber nichts ist erdichtet. Um den Leser vom Nachkriegsland zu erzählen benutze ich meine Familie. Ich hätte auch von Doris und Jutta oder von Karl-Heinz und Herbert oder von den Familien der Leser erzählen können. 

 

Die Generation unserer Eltern beseitigte die materiellen Kriegstrümmer und baute Deutschland wieder auf. Aus der Nachkriegszeit erwuchsen die Wirtschaftswunderjahre. Aufgabe der Nachkriegskinder wurde es, die sozialen und seelischen Trümmer zu beseitigen. Ein wenig ist es uns gelungen. Wir mussten uns an Schuld und Scham unserer Eltern abarbeiten, um nicht an ihrer Last zu ersticken, jeder Einzelne und im kollektiv. Für Deutschland waren die Jahrzehnte nach 1945, die Zeit des Übergangs zur Demokratie, ein großer Schritt. Ohne Müllabfuhr und heftige Konflikte konnte das nicht abgehen. Eine umfassende aktive Bewältigungs- und Versöhnungskultur mit Nazireich, Krieg und deutschen Verbrechen hat es nie gegeben, trotz des Kniefalls von Willy Brandt in Warschau. Die Zeit hat viele Wunden geheilt. Für Jüngere hat sich Deutschland zu einem fast normalen Land entwickelt. Bei Fußballweltmeisterschaften können sie mit deutschen Fahnen herumfahren und sich freuen. Berlin ist zu einer lebenswerten, freundlichen Hauptstadt geworden, die Schatten der Vergangenheit stehen im Museum. Es ist gut so. 

 

Das Nachkriegsland war das Land der Verlierer, wir waren die Kinder der Verlierer. Heute verstehe ich es.