Das Kirchenpauer-Gymnasium: Dunkle Zeiten

 

1962 kam ich aufs Gymnasium. Meine neue Schule verstand sich als elitäre Erziehungsanstalt, eine massive Festung der ewig Gestrigen, ein übles reaktionäres Museum aus der Zeit Kaiser Wilhelms.

 

Zwar waren seit Kriegsende mehr als fünfzehn Jahre vergangen, doch der Lehrkörper wirkte wie ein Panoptikum zersprungener Seelen. Auch wenn es einzelne anständige Lehrer gab, sie bestimmten nicht das Schulklima. Über eine umfassende pädagogische Ausbildung verfügten nur wenige. Die Mehrheit wirkte verbittert und unzugänglich. Kriegsbehinderte psychische Krüppel, alte Männer ungeeignet für ihren Beruf, die deformierten Überlebenden von Krieg und Hitlerreich. In fast jedem schlummerten Fronterfahrungen und traumatische Erlebnisse. Ihr Weltbild war von Gehorsam, Angst und Unterwerfung bestimmt. Ihre Kriegserfahrungen hatten sie nur unzureichend bewältigt und gaben ihre Last nun an uns weiter. Einzelne Lehrer waren so tief von der Vergangenheit beherrscht, dass sie wie zwanghaft über damals reden mussten. Nicht zu unserer Aufklärung oder Information, sondern weil sie nicht anders konnten. Das Erzählen diente der Betäubung ihrer seelischen Schmerzen.

 

Kein Lehrer berichtete vom wilhelminischen Standesdünkel bei Schulgründung oder vom Singspiel des Anti-Christen aus den dreißiger Jahren. Keiner erwähnte den Nationalsozialismus, keiner die Arier-, Nichtarier- und Ausländerlisten, die am Kirchenpauer sorgfältig auf deutsche Art geführt worden waren. Keiner sprach von den jüdischen Schülern, die in Konzentrationslager abtransportiert wurden oder von den vielen, die „freiwillig“ für den Führer in den Tod marschierten. Worte wie Unrecht, Frieden oder Demokratie kamen nicht vor.