Das Land Drüben: Ost und West

  

Hinter der Zonengrenze gab es noch ein anderes Deutschland. Immer wieder wurde erzählt, drüben werde nur behauptet, das Land sei demokratisch, wir aber seien die wahre Demokratie. Heino und der Wahre Heino. Die endlos langen Fahrten mit der Bahn in den Interzonenzügen waren anstrengend. Angekommen, musste sich meine Mutter innerhalb von vierundzwanzig Stunden bei der örtlichen Volkspolizei anmelden. Auch musste unser Besuch in das Buch der Hausgemeinschaft eingetragen werden. Bei vertraulichen Themen sprachen die Erwachsenen mit gedämpfter Stimme. Manchmal machte mein Onkel böse Witze über die Mängel in seinem Land. Kein Pfeffer, kein Kümmel, aber Sputnik am Himmel. Warum trägt Walter Ulbricht jetzt kurze Hosen? Damit die Leute mehr Fleisch sehen. Warum läuft er dann nicht nackt herum? Dann würden die Menschen doch auch Eier und Wurst sehen. Ulbricht war der "Bundeskanzler der Ostzone", wie wir als Kinder gesagt haben. 

 

Für ein Kind aus dem Westen war die DDR fremd. Ich begriff nicht, was Kommunismus und Kapitalismus bedeuteten, doch es war offensichtlich, dass die Menschen drüben noch ärmer waren als wir.  Die Fabriken nannten sich „volkseigen“ und sollten dem Volk gehören. Aber so glücklich kam mir das alles nicht vor, denn wir mussten jedes Mal riesige Mengen an Sachen mitschleppen, die es drüben nicht gab. Vor allem Bananen, Apfelsinen, Waschmittel, Kakao und Kaffee. Während der Westen amerikanische Wiederaufbauhilfe bekam, wurde der Osten durch Reparationsleistungen an die Sowjetunion ausgeplündert.

 

Die Zonengrenze war die Front im Kalten Krieg, fünfzig Kilometer östlich von Hamburg. Im August 1961 baute die DDR eine Mauer durch Berlin und Grenzbefestigungen aus Stacheldraht und Todesstreifen zur Bundesrepublik, um den Zerfall ihres Staatswesens zu stoppen. Der reale Sozialismus hatte die Menschen nicht überzeugt und viele seiner Bürger flüchteten in den Westen. Der Unterschied zwischen der Mangelwirtschaft im Osten und dem beginnenden Wirtschaftswunder im Westen war nicht zu übertünchen.

 

Als der Stacheldraht ausgerollt wurde und Bautrupps erste Steine setzten, standen sich schussbereit in der Berliner Friedrichstrasse am Check-Point-Charlie für Stunden russische und amerikanische Panzer gegenüber. Das Ende der Welt war zum Greifen nahe. Glücklicherweise siegte an diesem Tag die Vernunft.