Kent State

 

In Amerika wurden Protest und Widerstand gegen den Vietnamkrieg so heftig, dass die Nationalgarde am 4. Mai 1970 auf dem Campus der Kent State University das Feuer auf demonstrierende Studenten eröffnete.


Es war ein gewöhnlicher Unterrichtstag. Nach siebenundsechzig Schüssen blieben vier Tote, ein Querschnittsgelähmter und viele angeschossene Studenten zurück. Nun ermordeten sie sogar ihre eigenen Kinder. Ein Massaker, das Schockwellen in die Welt sendete. Die Studenten hatten gewaltlos und unbewaffnet gegen die Ausweitung des Krieges nach Kambodscha demonstriert. Es war kein besonderes Ereignis, jede Woche gab es tausendfach Anti-Kriegsdemonstrationen.


Zu den Erschossenen gehörten Jeffrey Miller und Allison Krause. Jeffrey hatte an die Kent State gewechselt, wo sein Bruder studierte. Er war an der Demonstration beteiligt und hatte vorher eine Tränengaspatrone zurückgeworfen, bevor ihn eine Gewehrkugel aus achtzig Metern in den Mund traf. Ein berühmtes, später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Foto zeigt, wie sich Mary Ann Vecchio, ein vierzehnjähriges, von zu Hause ausgerissenes Mädchen, über Jeffreys Leichnam beugt.


Allison Krause war neunzehn und hatte ihre Abschlussprüfung an der John F. Kennedy High School in Silver Spring in Maryland absolviert. Sie arbeitete neben dem Studium in einem Heim für geistig Behinderte und war so alt wie ich. Wahrscheinlich liebte sie Songs von Pete Seeger und Bob Dylan oder hatte den  Fänger im Roggen  gelesen. Uns wird eine ähnliche Sicht der Welt verbunden haben. Vielleicht hätten wir uns sogar gemocht. Die anderen Toten waren Sandy Scheuer und Bill Schroeder, unbeteiligte auf dem Weg zum Unterrich. Das amerikanische Establishment muss eine unglaubliche Angst vor der eigenen Jugend gehabt haben, um zu einem derartigen  Massaker wie Kent State fähig zu sein.