Love

 

Eine meiner Studienfreundinnen stammte aus einer ärmlichen Arbeiterfamilie, aus Dortmund. Groß und blond, ein leichter Überbiss, weil ihre Eltern keine Zahnklammer hatten zahlen können. Wir lernten uns im Germanistikstudium kennen. Dorthin ging ich nur, weil es dort so viele Mädchen gab und mehr soziale Aktivitäten stattfanden als in den Fächern, die ich eigentlich studierte. Gemeinsam fertigten wir zwei Referate, über menschliche Kommunikation und über Psycholinguistik. Sie war anders als die Mädchen, die ich bisher kannte. Ihre Nächte verbrachte sie in Clubs auf der Reeperbahn wie dem Top Ten, dem Grünspan und den anderen. Musik, Tanzen, Drogen, wie es eben in den Siebzigern war. Natürlich haben wir auch gevögelt, wenn wir uns zu unseren Referaten trafen. Es bedeutete nichts. In ihren Augen war ich ein unbedarfter Junge am Rande. Unwichtig. Der Sex mit mir war Service.

Im zweiten Semester begann sie, als Prostituierte im Club Amphore am Hafen zu arbeiten, einem Champagnerpuff, dem Vorläufer heutiger Promi-Treffs. Zuerst nur nebenbei, später wurde es ihr einziger Lebensinhalt. Dafür musste sie nicht mehr in einem winzigen Zimmer in Winterhude zur Untermiete wohnen, wo es verboten war, mich und andere Jungen über Nacht mitzubringen.

Einmal habe ich mich in den Club Amphore getraut. Für meine Lebenserfahrung ein völlig irrer Ort, dort wo es hinter der Davidstraße von St. Paulis Rotlicht Bereich zur Elbe heruntergeht. Aus Neugier über die nächtliche Existenz meiner Studienfreundin habe ich einmal hineingeguckt. Es gab Tische, Sofas und Bänke. Nach dem man Platz genommen hatte stellten sich unbekleidete Mädchen vor, man suchte sich eine oder auch zwei aus, bezahlte seinen Champagner für 200 DM und wurde langsam am Tisch verwöhnt, mit Französisch und Fingern. Wenn man wollte, konnte man dann auf der Bank, auf der Bühne oder in Nebenzimmern poppen. Am Wochenende war es ziemlich voll und im ganzen Laden wurde gevögelt. Laute Musik übertönte alle Lustgeräusche. Häufig waren auch Paare da, die sich ein Mädchen bestellten. Dann wurde der Mann von zweien bearbeitet. 




Mehr als ein Bier konnte ich mir im Club Amphore nicht leisten. Es war nicht Welt eines kleinen beschränkten Studenten im zweiten Semester wie ich es war. Dafür schlich ich mich mit Freunden gelegentlich in eine dieser Film-Kneipen auf dem unteren Ende der Reeperbahn, wo das Bier 5 DM kostete und auf kleinen Leinwänden dänische Filme gezeigt wurden. Sie dienten der Vervollkommnung unserer sexuellen Aufklärung.


Schnell bekam ich mit, dass meine Mit-Studentin regelmäßig Drogen nahm, meist Haschisch. Nichts besonderes, gab es schon auf dem Schulhof zu kaufen. Später nahm sie auch Speed und LSD, oder anderes Zeug, das ihr in den Clubs verkauft wurde. Irgendwie musste sie ihr Leben mit wenig Schlaf ja durchhalten, tagsüber über Uni, nachts in Clubs und im Puff. Nach dem dritten oder vierten Semester habe ich sie nicht mehr gesehen.


Über mehrere Jahre habe ich mich auch immer wieder mit Uschi getroffen, einer blonden Anglistik-Studentin. Ihr Körper war jung und einladend. Eines Abends sahen wir den Film Alexis Sorbas im Studentenkino des Audimax, in dem großen Hörsaal, in dem ich Jahre vorher als Schüler den hitzigen Diskussionen mit Rudi Dutschke gelauscht hatte. Dieser Abend war das übliche Studenten-Happening mit Weißwein, Erdnüssen und Geschrei. Danach gingen wir zu mir. Uschi war ein Mädchen wie viele damals. Sie trug ein weißes T-Shirt, einen Minirock aus braunem Cord mit dunklen Lederstiefeln. An diesem Abend hatte sie extra den Slip mit der großen Erdbeere angezogen. Ich erinnere eine schöne Nacht. Wir wussten beide, dass wir uns sehr mögen, aber wir sollten nie dauerhaft zusammenkommen. 


Heute erscheinen mir meine Erlebnisse als Teil des langen Weges, erwachsen zu werden. Ich musste mich finden, die Welt verstehen und mich auf sie einlassen. Nicht zu wissen wohin man geht, bringt einen manchmal dorthin, wo man sein soll.