Mädchen

 

Das, worum es ging, hatte so freudlose Worte wie Beischlaf, Beiwohnung oder Geschlechtsverkehr. Gruselig. Wenn man Menschen beherrschen will, muss man ihnen die Hosen zubinden, ihren Unterleib kontrollieren und ihnen ein schlechtes Gewissen machen. Konservative, Pfaffen und Ajatollahs wissen das seit Jahrhunderten. Sie sind Experten für Unterdrückung. Keiner sagte uns, wie viel Spaß Sex bringen kann, keiner sprach über Liebe und Gefühle. Schon gar nicht über Lust und Selbstbestimmung.

 

Eines Tages stand in der U-Bahn ein Mädchen vor mir. Sie trug einen kurzen gelben Rock. Gott, war sie toll. Ich musste sie die ganze Zeit anstarren und konnte nicht anders. Meine Zeit stand still, und ich versank in der Unendlichkeit. Für sie muss ich ziemlich lästig gewesen sein, denn nach drei Stationen wechselte sie in den nächsten Wagen.

 

Später lernte ich im Café Ahrweiler am Jungfernstieg Anett kennen. Ich nahm meinen Mut zusammen und fragte nach ihrer Telefonnummer. Als ich sie anrief, brüllte ihr Vater im Hintergrund: „Wer ist das?“ Das Geschrei war mir vertraut, sie lebte unter ähnlichen Umständen wie ich. Wir verabredeten uns und verbrachten einen langen Abend im Kanister, einer schmuddeligen Studentenkneipe im Keller an der Stadthausbrücke, wo heute die Klinik Fleetinsel liegt. Anett und ich mochten uns, wir hatten uns viel zu erzählen. Nach Mitternacht standen wir verloren im Regen am Rödingsmarkt und warteten auf unsere Straßenbahnen. Sie musste nach Westen, ich nach Osten. Wir küssten uns lange. Heute verstehe ich gar nicht, warum ich sie nie mehr angerufen habe. Sie wartete darauf, und die Tür war offen, aber ich sah es nicht.

 

The ladies treat me kindly. Nie werde ich Isa vergessen, ein wunderschönes, selbstbewusstes Mädchen. Wir trafen wir uns häufiger in einer Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der Weltrevolution. Einmal nahm sie mich unerwartet in den Arm und sagte, ich wäre „toll“. Dann küsste sie mich. I was stuck inside of Mobile with the Memphis blues again. Mit so viel Zuneigung konnte ich nicht umgehen. Ich geriet fast in Panik, hatte ich doch gar nichts gemacht. Isa hatte einen Freund, einen ganz erwachsenen, der studierte, mit eigener Wohnung und einem Auto, der bereits wusste, was er in dieser Welt wollte. Ich wäre nicht einmal auf den Gedanken gekommen, dass Isa mich wahrnahm. Mich, einen schüchternen Loser aus Horn.

 

Freiheit für Beine und Köpfe