Die Kriegslehrer

       

Fast alle Lehrer waren vom autoritären Menschenbild des Dritten Reiches geprägt. Zwar äußerte sich keiner offen nationalsozialistisch, doch die Vergangenheit hatten sie weder verstanden noch bewältigt. Doch für mich waren unsere Lehrer keine nationalsozialistischen Bestien, die sich nach 1945 noch austoben wollten, wie es sie in der Nachkriegszeit vielfach noch gab. Keiner feierte Hitlers Geburtstag, zog die Reichskriegsfahne auf oder gehörte zu den Psychopathen, die nachts im Garten standen und nackt in Stiefeln den Führer grüßten. Sprachliche oder weltanschauliche Missgriffe blieben sehr seltene Ausnahmen. Kein Lehrer trauerte offen dem Dritten Reich hinterher oder bekannte sich zur braunen Ideologie.

 

So wie meine Eltern waren sie traumatisierte Kriegsversehrte, Gefangene ihrer Vergangenheit. Wir Kinder konnten es spüren, jeden Tag wieder. Wenn unsere  Lehrer vom Krieg sprachen, blieben sie meist seltsam distanziert und gefühlskalt. Einsicht oder Auseinandersetzung kamen nicht vor. Keiner hat sich bekannt, keiner gesagt, es sei falsch und Unrecht gewesen. Keiner konnte ohne Ausflüchte oder Relativierung zugeben, dass Nationalsozialismus und Krieg deutsche Verbrechen waren, dass es deutsche Schuld und deutsche Verantwortung gab. Keiner hat sich entschuldigt, keiner geschämt. Wie auch, Tote kennen keine Gefühle, sie empfinden nichts. 


Riefen wir ihnen die richtigen Worte zu, begann wie in einer blechernen Musikbox der immer gleiche Song zu spielen: „Der Iwan! Der Russe! Der Führer! Mein Kamerad! Der Feind, der Golf von Tarent, die Nacht an der Ostfront.“ Schrie ein Schüler nach vorn, erzählen Sie doch mal vom Krieg, begann die Show. Gesicht und Köper veränderten sich. Dann brach es los, wie beim Affen, der eine Banane erhält, wenn er den richtigen Knopf gedrückt hat. Die Last im Unterbewusstsein ließ sich nicht dauerhaft betören und suchte von Zeit zu Zeit ihren Ausgang.


Einmal stand ein Lehrer vor unserer Klasse und fuchtelte wild mit den Armen. Dazu schrie er wie von Sinnen: „Ich erschieß euch, ich erschieß euch, ich erschieß euch alle“, bis es seinen Kollegen gelang, ihn sanft hinauszuführen. Im Krieg war er verschüttet worden und es fehlten ihm mehrere Finger. Ab und zu brachen seine psychischen Wunden unkontrollierbar auf. Noch heute fragt mein Mitschüler Dieter entgeistert, warum niemand mit uns darüber geredet hat. Dieser Lehrer gehörte zu den wenigen anständigen. Er hat sich sehr für Schüler engagiert. An vielen Wochenenden veranstaltete er Wandertage für die Jüngeren und reiste in den Ferien mit Gruppen ins Ausland, sogar in die Sowjetunion nach Moskau und auf die Krim. Ohne ein hohes Maß an Einsicht, Engagement und Zivilcourage in der damaligen Zeit unmöglich. Trotz seiner seltsamen Vorliebe für kurze Hosen an Schülerbeinen gehörte er nicht zu denjenigen, die uns Jungen anglotzten, betatschten oder sexuell belästigten. In einigen Lehrerköpfen lagen Vernunft und Wahnsinn dicht beieinander.