Die Stunde Null

 

In Geschichtsbüchern wird das militärische Kriegsende 1945 oft als „Stunde Null“ bezeichnet, so als hätte es 1945 einen großen Neuanfang gegeben. Tatsächlich aber begann das Leben in Deutschland nicht neu, sondern ging weiter, am Tag der Kapitulation und am Morgen danach. Die Menschen, ihre Familien, die psychischen und sozialen Strukturen waren dieselben, die den nationalsozialistischen Staat getragen hatten. Hitler war tot und seine führende Clique wurde bis auf Albert Speer zum Tode verurteilt, doch unzählige andere Täter wurden nie konsequent zur Rechenschaft gezogen. Die deutschen Charakterzüge und Tugenden, welche die braune Diktatur ermöglicht hatten, lebten weiter. Dem Unrecht war nur der Kopf abgeschlagen worden.

 

Zwar begannen auch die Behörden der gerade gegründeten Bundesrepublik damit, einzelne Täter abzuurteilen, doch nach den Amnestiegesetzen von 1949 und 1954 erlahmte das Bemühen um Gerechtigkeit schnell wieder. Besonders das Straffreiheitsgesetz von 1954 erlaubte es, nationalsozialistische Verbrechen mit großer Nachsicht zu behandeln, wenn die Täter als „minder belastet“ galten. 

 

Die Bezeichnung „Straffreiheitsgesetz“ war eine Verhöhnung der Opfer. Auf verhängnisvolle Weise ermöglichten diese Gesetze unzähligen Tätern den Zugang zum öffentlichen Dienst. Wie eine Rattenplage machten sich im neuen Staat an den Schaltstellen von Politik, Verwaltung und Wirtschaft Hitlers willige Helfer wieder breit, so als sei nichts gewesen.