Spurensuche im Nachkriegsland

  

Leben in Deutschland von 1945 bis 1989

 

In der Erzählung  NACHKRIEGSLAND  führt Michael Brenner, geboren sechs Jahre nach Kriegsende, den Leser zurück in das Deutschland von 1945 bis 1989. Er begibt sich auf Spurensuche nach Familie und Vaterland und setzt, unterteilt in fünf Bücher, persönliche Erinnerungen und zeitgeschichtliche Elemente zu einem schonungslosen Bild zusammen. 

 

Der erste Teil  Unsere Mütter, unsere Väter  erzählt von seiner Kindheit und beschreibt das, was viele Nachkriegskinder verbindet, die Armut der Trümmerjahre, die seelische Not traumatisierter Erwachsener und die Verdrängung von Nationalsozialismus und Krieg.

 

Seine Mutter Magda und sein Vater Karl verstecken ihre seelischen Verletzungen hinter einem Gefühlspanzer aus Schweigen und Verdrängung. Der Vater war überzeugter Nazi und Fallschirmjäger der Wehrmacht, aber darüber mag er dem Sohn nur wenig erzählen. Karl will für einige Stunden der letzte Stadtkommandant in Brüssel gewesen sein und träumt heimlich von seinen glücklichen Jahren als Soldat und von der Frau, die er in Brüssel liebte. Seine Mutter hatte bereits als Kind ihre Familie verloren und wurde in den Kriegsjahren zwischen Verwandten, Kinderlandverschickung und Pflegefamilien herumgereicht. Bei Kriegsende ist sie eine verlorene junge Frau auf der Suche nach Geborgenheit. Aus diesen gebrochenen Persönlichkeiten erwächst die Familie des Autors, deren Leben stellvertretend für viele im Nachkriegsland steht.

 

Der zweite Teil setzt sich mit dem  Land der Verlierer auseinander, dem geteilten und von den Siegermächten besetzten Deutschland, der naziverseuchten Bundesrepublik. Viele ehemalige Nazis gelangen an die Schaltstellen gesellschaftlicher Macht, Krieg und Schuld werden verdrängt. Hitler und der Holocaust, keiner will es gewesen sein. Die Nazis waren immer die anderen. Für Nachkriegskinder ein Vaterland, das über Trümmerbeseitigung und Wiederaufbau die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vergisst. Es sind die Jahre von Wirtschaftswunder und atomarer Bedrohung im Kalten Krieg.

 

Im dritten Teil  Dunkle Zeiten  schildert der Autor seine Schulzeit am Hamburger Kirchenpauer-Gymnasium, einer besonders schlimmen Schule voller Angst und Unterdrückung. Die Mehrzahl der Lehrer ist überaltert und wird von seelischen Wunden beherrscht. Anfangs erzählen sie regelmäßig vom Krieg, den auch sie nicht verarbeitet haben. Von Schuld oder Demokratie wird nicht gesprochen. Anschaulich beschreibt der Autor, wie Schüler herumgeschubst und unterdrückt werden. Die wichtigste Aufgabe der Lehrer ist die soziale Selektion. Nur gehorsame und angepasste Schüler sollen zum Abitur gelangen. Kinder wie der Autor aus Hamburger Armutsstadtteilen haben dabei besonders schlechte Chancen.


Die kinderfeindlichen Zustände am Kirchenpauer-Gymnasium sieht Michael Brenner nicht als seltene Ausnahme, sondern als Folge der unbewältigten Vergangenheit und der erstarrten gesellschaftlichen Verhältnisse der fünfziger und frühen sechziger Jahre. Seine Schulerlebnisse finden ihre nahtlose Fortsetzung in den grausamen Zuständen der Heimerziehung und den vielen Fällen von sexuellem Missbrauch. Das Nachkriegsland war kein schönes Land.

 

Im vierten Teil  Genug ist genug  erlebt Michael Brenner den gesellschaftlichen Umbruch der sechziger Jahre. Für ihn die Zeit des Erwachsenwerdens mit Musik, Mädchen sowie der Abgrenzung von Eltern und nazibeflecktem Vaterland. Was als jugendliche Kulturrevolution mit Beatmusik, kurzen Röcken und langen Haaren beginnt, entwickelt sich schnell zum Sommer der Revolte, den Träumen von Frieden, Freiheit und einer besseren Welt. Autoritäten und Kapitalismus werden abgelehnt, die Schuld der Elterngeneration thematisiert. Der Autor ist frühreif und mittendrin.

 

Der fünfte Teil  Die Zeiten ändern sich  schildert das Leben in den bunten Siebzigern. Der Autor studiert und genießt die errungenen Freiheiten. So wie viele Jugendliche sucht er nun die Revolution in Selbsterfahrung und Psychologie, in Kopf, Körper und Gefühlen. Der gesellschaftliche Aufbruch findet nicht mehr auf der Straße statt, doch noch immer kämpfen viele Heranwachsende mit der seelischen Unterernährung der Nachkriegsjahre, noch immer geht es um Befreiung aus einengenden Familien und deutschen Zwängen. Brenner engagiert sich für Willy Brandt und seinen Versuch, mehr Demokratie zu wagen.


In den Achtzigern hat sich der Autor privat und beruflich eingerichtet, doch das Verhältnis zu Deutschland bleibt widersprüchlich. Einerseits treibt ihn der Machtwechsel zu Helmut Kohl, der lächerlichen "ungeliebten Birne", wieder auf Distanz, während er andererseits Friedensbewegung, Bürgerinitiativen und den Siegeszug der Grünen Partei als Versöhnung der Nachkriegskinder mit ihrem Vaterland erlebt. Die Erzählung schließt mit dem Zerfall der DDR und der Wiedervereinigung, dem tatsächlichen Ende des Zweiten Weltkriegs.