Tötet sie

 

Gut erinnere ich das wilde Geschrei meiner Tante. Es war der Abend einer kleinen Familienfeier bei meinen Großeltern. Immer wieder stieß Grete, die ältere Schwester meines Vaters, ihren Hass auf Amerikaner und Engländer heraus. Ihre Erinnerungen an Bomben, endlose Stunden im Bunker und erlebte Todesängste waren erwacht. Meine Großmutter versuchte, sie zu beruhigen. Doch meine Tante ließ sich nicht stoppen. Lange tobte rasende Wut. Grete hatte als junge Frau die Kriegsnächte erlebt, den Feuersturm, die Operation Gomorrha, die Vernichtung großer Teile Hamburgs durch Bomben, die Stunden als über 30 000 Menschen getötet wurden und 40 0000 Menschen alles verloren. „Tötet sie, tötet sie! Bomben auf Amerika, zerstört New York!“, lange schrie sie nach Rache. 

 

Schnell wurde ich ins Bett gebracht, ein kleiner vierjähriger Junge, der möglichst wenig mitbekommen sollte. Ich verstand das Geschrei meiner Tante nicht, doch ihr Verhalten war nicht ungewöhnlich. In Kinderaugen benahmen sich viele Erwachsene seltsam, wenn es um den Krieg ging. Immer wieder führten Einzelne sich auf wie Verrückte, wenn Erinnerungen und Traumata in ihnen wüteten, so wie bei Tante Grete.

 

Jedes Nachkriegskind kennt solche Situationen. Schmerz und Nachkriegsblues heulten durch Deutschland.